In Albanien gibt es eine Vielzahl von Problemen in der Agrarwirtschaft. Die Produktivität ist unterdurchschnittlich. Das bäuerliche Einkommen ist unterdurchschnittlich. Der Export vieler Produkte ist auf legalem Weg nicht möglich. Qualitätsstandard, die auf den internationalen Märkten gefordert werden, werden oftmals nicht erreicht. Bei zahlreichen Produkten müssen Samen mit veralteten, ineffizienten Genen verwendet werden. Von internationalen Konzernen gelieferte Samen sind, wie in diesem Jahr geschehen, durch Kontaminierung der Samen Schuld daran, dass ganze Produkternten ausfallen. Schädlingsbekämpfungsmittel werden unsachgemäss angewandt. Bäuerliche Vereinigungen und so genannte Associations vertreten nicht so oft die Interessen der Vereinsmitglieder.

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Die industrielle Landwirtschaft verdrängt lokale bäuerliche Praktiken rund um die Erde. Wo früher kleine, vielfältige, bäuerliche Selbstversorger-Systeme für Ernährungssouveränität gesorgt haben, regieren heute multinationale Konzerne über große, einheitliche Monokulturen. Viele verschiedene Organisationen von Bauern, Züchtern, Essern und Aktivisten  kämpfen für das Recht der Bevölkerung, ihre Ernährung und Landwirtschaft selbst zu bestimmen.
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Das Recht auf Nahrung wurde bereits 1948 in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen (UN) verankert. Die UN verstand darunter das Recht, einen regulären, ständigen und freien Zugang zu Nahrung zu haben, entweder direkt oder über ausreichende finanzielle Mittel. Nun hat sich aber im Lauf der Jahrzehnte gezeigt, dass das Recht des freien Zugangs zu Nahrung allein nicht ausreicht, um die Bevölkerung ausreichend zu ernähren. Zu oft wird das Recht auf Nahrung dadurch verletzt, dass an erster Stelle der Profit und nicht der Mensch steht. Hier setzt das Konzept der Ernährungssouveränität an, in dem danach gefragt wird, wo die Nahrungsmittel herkommen, wer sie produziert und unter welchen Bedingungen sie hergestellt werden.
Als vor etwa 10.000 Jahren die ersten Menschen mit dem Ackerbau und der Pflanzenzüchtung begannen, sich sesshaft zu machen, lag die Züchtung und die Produktion der Nahrung ausschließlich bei den Bauern und den privaten Selbstversorgern. Die Bauern beobachteten, selektierten, nahmen Saatgut, probierten aus und lernten kontinuierlich aus ihren Ernteergebnissen. Ganz natürlich und sorgfältig sammelten und säten sie die Pflanzen, die gut schmeckten, satt machten, vielfältig verwendbar oder gut lagerbar waren. Manche Getreidepflanzen erwiesen sich als tolerant gegenüber Nässe, andere überstanden eine Krankheit gut. Innerhalb der letzten 10.000 Jahre ließen abertausende züchtende Hände, verschiedene Ackerbautechniken, unterschiedliche Ernährungsgewohnheiten und Klimazonen einen unvorstellbaren Reichtum an lokalen Sorten mit unzähligen Variationen entstehen.
Innerhalb von wenigen Jahrzehnten setzte das globale industrielle Agrarsystem mit ihrer Vereinheitlichung der Landwirtschaft dieser Kulturpflanzenvielfalt ein Ende. Von den weltweit etwa 250.000 bekannten Pflanzenarten, von denen rund 50.000 Arten zur Ernährung benutzt wurden, decken heute nur noch 30 Arten 95 Prozent der Nahrungsenergie ab. Schätzungen zufolge sind weltweit in den vergangenen 100 Jahren rund 75 Prozent der Kulturpflanzenvielfalt verloren gegangen. In Deutschland und den USA sind es sogar 90 Prozent. Zwar werden weltweit noch etwa 7000 Pflanzenarten angebaut, doch immer mehr Saatgutkonzerne übernehmen die Züchtung von Saatgut und konzentrieren sich auf Sorten, die eine sehr enge genetische Basis haben und hohe Erträge abwerfen. Bei den drei großen Arten Weizen, Mais und Reis, die zusammen 60 Prozent der weltweiten Nahrungsmittelenergie liefern, liegt die Züchtung und Produktion schon zum größten Teil bei global agierenden Konzernen.
In Deutschland arbeiten nur noch zwei Prozent der Menschen in der Landwirtschaft. Möglich geworden ist dies durch die Mechanisierung der bäuerlichen Arbeit, die große Erleichterungen mit sich gebracht hat. Doch wie die industrielle Landwirtschaft sich bis heute entwickelt hat, ist sie eher ein Alptraum als eine Arbeitserleichterung. Zusammengefasst kann man sagen, dass das grundlegende Prinzip des industriellen Agrarsystems die Ausbeutung des Menschen und eine übernutzte Umwelt ist. Die Böden werden durch den Gebrauch von Pestiziden vergiftet, die Pflanzenvielfalt durch Monokulturen dezimiert und das Saatgut durch die Züchtung von Hybriden (Inzuchtlinien, die kein Saatgut produzieren) und Genmanipulation monopolisiert. So bestimmen immer weniger Bauern und immer mehr große multinationale Konzerne darüber, welche Sorten gezüchtet, angebaut und geerntet werden.
Wie schaut es mit dem Hauptargument des industriellen Agrarsystems aus, nämlich das nur so die überbevölkerte Welt ernährt werden kann? Seit der Einführung der industriellen Landwirtschaft in den 70er Jahren ist zwar mehr Ertrag pro Fläche erwirtschaftet worden, doch auf Kosten der Umwelt und der Menschen. Auf lange Sicht kann die Landwirtschaft nur Erträge bringen, wenn sie Grund- und Oberflächenwasser sauber und die Böden fruchtbar hält. Wenn sie die Atmosphäre mit so wenig Klimagasen wie  möglich belastet und eine Vielfalt an Arten, Sorten und Ökosystemen nutzt und erhält. Die industrielle Landwirtschaft nutzt  zwar 70 Prozent der globalen landwirtschaftlichen Ressourcen, produziert aber nur 30 Prozent der weltweit verfügbaren Lebensmittel.
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Im frühen 20. Jahrhundert wurden erste Ansätze des Sortenschutzes entwickelt und in den 1960er Jahren die erste internationale Vereinigung zum Schutz von Pflanzenzüchtungen (UPOV) gegründet. Den Züchtern wurden exklusive Rechte eingeräumt, wenn ihre Sorten bestimmte Eigenschaften hatten und besonders wertvoll für die landwirtschaftliche Produktion waren. Die damaligen Regeln sahen noch Ausnahmen für Bauern und Züchter vor, mittlerweile sind die immer mehr eingeschränkt worden. Auch das Patentrecht wird heute auf Pflanzenzüchtungen angewandt und sichert den Züchtern Monopole und alleinige Verwertungsrechte. Mittlerweile dominieren zehn Konzerne mehr als 70 Prozent des globalen Saatgutmarktes.
Bäuerliche Landwirtschaft kann angesichts des Bevölkerungswachstums die Welt nicht ernähren.“ Ist dieses Dogma der Wissenschaft und der Politik richtig? Die zahlreichen Initiativen rund um die Ernährungssouveränität kommen zu einem anderen Ergebnis. Zunächst einmal fragen sie sich: Wer ernährt die Welt denn jetzt? In großen Teilen der Welt ist es nämlich nach wie vor die kleinbäuerliche Landwirtschaft, die die Welt ernährt. 2,6 Milliarden Menschen leben hauptsächlich von landwirtschaftlichen Tätigkeiten. 85 Prozent der etwa 525 Millionen Bauernhöfe weltweit bewirtschaften weniger als zwei Hektar Land. Die Bäuerinnen und Bauern auf diesen Klein- und Kleinstbetrieben bauen den größten Teil aller weltweit produzierten Lebensmittel an. Dabei bestreiten die Initiativen nicht, dass die Produktivität der Landwirtschaft in vielen Regionen gesteigert werden müsste.
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Wie könnte eine zukünftige Ernährungssouveränität, die auch die Selbstbestimmung über das Saatgut mit einschließt, aussehen? Für die Erprobung von Alternativen braucht es Strukturen, die nicht auf Profit ausgerichtet werden. Entscheidend für einen vielfältigen, möglichst regionalen Anbau sind vier Dinge: Fruchtbare Böden, gute samenfeste Sorten, viel Wissen über Saatgut und Zucht und eine große Biodiversität. Alle vier Faktoren werden von dem dominierenden Zucht- und Landwirtschaftsbetrieb erdrosselt, durch hochgradige Arbeitsteilung eingedampft und im Wettbewerb um die effizienteste Lebensmittelproduktion wegoptimiert. Da Saatgut eine Grundlage für Ernährung ist, ist Saatgutsouveränität eine Grundlage von Ernährungssouveränität. Ohne eigenes bäuerliches Saatgut kann es keine nachhaltige Landwirtschaft geben, und ohne nachhaltige Landwirtschaft kann man keine Ernährungssouveränität aufbauen. Saatgut- und Ernährungssouveränität bedeuten, dass Menschen vor Ort je nach Umweltbedingungen und Bedürfnissen über ihre Agrar- und Saatgutsysteme entscheiden, ohne dass ihnen Konzerne und staatliche Stellen das vorschreiben wollen.

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Literaturtipp, Zitate diese und vorherige Seiten von:
Anja Banzhaf: Saatgut – wer die Saat hat, hat das Sagen
oekom 2016, 272 Seiten, 19,95 €

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